...Da tropfte ein Regentropfen aus Mama Wolke. Frisch Geboren in die Welt fiel er mit all seinen Brüder und Schwester Tropfen unaufhaltsam vom Himmel in richtung Erde. Doch auf dem Weg nach unten fragt er sich was wohl passieren wird wenn er ganz unten angekommen ist. Während alle anderen Tropfen vor Freude jubbelten, lachten und ohne Sorgen sich vom Wind tragen ließen, beobachtete unser kleiner Tropfen wie seine Geschwister ganz unten auf den Boden platschten und zu pfützen wurden. Da bekam er es mit der Angst zu tun. Wie sich das wohl anfühlen würde?

Da wollte er plötzlich kein Regentropfen mehr sein. Er wollte nicht mehr so sein wie alle anderen Tropfen; wollte nicht auf den Boden platschen und in der Erde versickern.

Lieber wollte er die Welt entdecken, lieber wollte er Geschichten höhren, lieber wollte er Geschichten erzählen und anderen Freude bereiten.

So kam es dass sich unser Tropfen in eine besonders starke Windböhe warf und sich so weit wie nur irgend möglich davon tragen ließ. Er wünschte sich so sehr nicht mehr sein zu müssen, was er eben war, dass ihm funkelnde Augen zum sehen und ein lächelnder Mund zum sprechen wuchsen.

Er fiel nun nicht mehr. Eher schwebte er, auch ohne den Wind immer mehr in Richtung Sonnenaufgang. Weit weg von seinen Brüdern und Schwestern, zwischen Wolken und Sternenhimmel und er fing an sich besser zu fühlen. Die Angst war verschwunden und in den Spiegelungen seiner feuchten Oberfläche entstanden Träume, Geschichten und Fantasien die erzählt werden wollten. Bilder tauchten tief im Tropfen auf, von einer Sternendecke, von Ritterzeichnungen, fliegenden Delfinen, von Fluschel, von sprechender Milch, Spielplätzten und einem Keksplaneten von kleinen Mädchen und Jungen, vom Wachen und Schlafen, Baby Piraten und Wochenend Indianern. Kurzum erhaschte er einen Blick ins Universum der Träume. In die Welt der Schlaf und Wach Geschichten.

Ohne vorwarnung war ihm in Gedanken auch sein Name Erschienen: Piwill. Der Regentropfen, der einen Blick hatte für das Universum der Träume, ein Träumer. Ein wenig auch ein verlorener der nicht sein wollte was er war und nun eine neue Aufgabe für sich entdeckte.

Als Piwill in der Dämmerung des Abends an einem Fenster vorbeit spazieren wollte, entdeckte er hinter der Scheibe eine Szene die ihn Interessierte, er beobachtete kurz und fasste einen entschluss.

Die beiden Schwestern Leni und Mira lagen in ihren Betten – aber an Schlaf war nicht zu denken. Draußen funkelten schon die ersten Sterne, und ein sanfter Wind spielte mit den Vorhängen.

"Ich will noch nicht schafen!", flüssterte Leni und kuschelte sich in die Decke.

"Ich auch nicht!", kicherte Mira. "Was, wenn wir etwas spannendes verpassen?"

Gerade als sie überlegten, ob sie noch ein Buch lesen oder heimlich flüsstern sollten, fiel ein leises Plitsch vom Fensterbrett her. Die Mädchen drehten sich überrascht um. Dort, in einem kleinen Lichtstrahl des Mondes, saß ein winziger, schimmernder Wassertropfen mit einem freundlichen Gesicht. Seine runden Augen leuchteten neugierig, und er lächelte die beiden an.

"Guten Abend, ihr zwei! Ich bin Piwill, der Tropfen aus dem Universum der Träume", sagte er mit fröhlicher Stimme. "Ich habe gehört, ihr wollt noch nicht schlafen. Aber wisst ihr eigentlich, welch wundertollen Abenteuer euch im Traumland erwarten?"

Leni und Mira schauten sich verblüfft an. "Abenteuer?", fragte Mira neugierig.

Piwill hüpfte fröhlich auf und ab. "Oh ja! Im Traumland gibt es fliegende Delfine, sprechende Wolken und Zuckerwiesen, die nach Erdbeeren duften! Dort könnt ihr alles sein, was ihr wollt – Piratinnen, Feen oder Entdeckerinnen fremder Sterne!"

Die Augen der Mädchen wurden groß.

"Erzähl uns bitte mehr!" rief Leni begeistert. Und so begann Piwill von den Wundern des Traumlandes zu erzählen...

Piwill hüpfte auf Lenis Kopfkissen und funkelte wie ein winziger Stern. "Das Traumland ist ein magischer Ort, an den nur ihr Kinder reisen könnt, wenn ihr die Augen schließt und euch ganz der Fantasie hingebt."

Mira setzte sich auf. "Aber was gibt es dort genau? Ist es dort so wie hier?"

Piwill lachte glockenhell. "oh nein, es ist ganz anders! Stellt euch vor: ihr lauft über eine Wiese, aber das Gras ist weich wie Wolken und glitzert in allen Farben des Regenbogens. Über euch schweben riesige, schimmernde Seifeinblasen, in denen kleine Feen wohnen, die euch zuwinken."

Leni kicherte. "Feen in Seifenblasen? Das klingt lustig! Wenn eine Seifenblase platzt, huscht die Fee bestimmt gleich in die nächste."

"Und es wird noch besser!", rief Piwill begeistert. "Wenn ihr weitergeht, kommt ihr an einen See aus flüssigem Mondlicht. Ihr könnt darin schwimmen, ohne nass zu werden, und jedes Mal, wenn ihr euch bewegt, hinterlasst ihr leuchtende Muster im Wasser. Und wisst ihr, wer in diesem See lebt?"

Mira überlegte. "Fische?"

"Nicht nur Fische!", zwinkerte Piwill. "Es gibt leuchtende Quallen, die euch den Weg zeigen, und eine riesige Wasserschildkröte mit einem Panzer aus funkelnden Muscheln. Sie erzählt die schönsten Geschichten wenn man ihr zuhört."

Leni kuschelte sich tiefer in ihr Kissen. "Das klingt so schön..."

Piwill nickte. "Und wenn ihr noch weiter ins Traumland reist, könnt ihr auf dem Rücken eines fliegenden Delfins durch den Himmel gleiten. Ihr saust durch flauschige Zuckerwatte-Wolken, die nach Vanille riechen, und könnt mit leuchtenden Sternenschmetterlingen spielen."

Mira gähnte und kuschelte sich an ihre Schwester. "Das Traumland ist ja wundertoll..."

Piwill lächelte. "Ja, und das Beste ist: Jedes Kind hat sein ganz eigenes Traumland, das genau so aussieht, wie du es dir wünschst. Alles was ihr tun müsst, ist die Augen zu schließen und euch auf die Reise begeben..."

Leni und Mira seufzten glücklich. Ihre Augen wurden ganz schwer, und langsam schlossen sie sich. Während Piwill noch leise summte, wurden die beiden Schwestern in eine Welt aus glitzernden Seen, fliegenden Delfinen und funkelnden Abenteuern getragen – ins wunderbare Universum der Träume.

Als Leni und Mira tief und ruhig atmeten, hüpfte Piwill leise von Lenis Kissen herunter. Mit einem sanften Plitsch landete er auf der Bettdecke und zog sie vorsichtig bis zu den Kinnchen der beiden hoch. Dabei summte er ein leises, beruhigendes Lied – wie das Plätschern eines Baches im Wald.

"Träumt schön, kleine Abenteurerinnen", flüsterte er zärtlich.

Dann glitt er zur Fensterbank zurück, wo ein einzelner Mondstrahl auf ihn wartete. In diesem Licht begann Piwills Tropfenkörper noch mehr zu schimmern, und mit einem kleinen Plitsch löste er sich in glitzernden Nebel auf, der langsam aus dem Fenster hinaus in die Nacht tanzte.

Und so wurde Piwill, der Regentropfen nicht zu dem was er einmal sein sollte, sondern zu dem was er heute ist. Und immer wenn es Regnet, wenn es Dunkel oder Hell wird, wird es Zeit für eine Geschichte, Zeit für Fantasie und Zeit für Träume.

Schlaft und Wacht schön.

Euer Piwill...